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Entstehungsgeschichte der 3. CD “Träumerei”

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Im Jahr 2002 hat sich eine kuriose Geschichte abgespielt. Der weltberühmte Pianist Alfred Brendel ist seit vielen Jahren nicht mehr in Regensburg aufgetreten. Der Grund dafür war der schlechte Zustand des alten Flügels beim letzten Konzert gewesen.

Endlich gelang es Reinhard Söll, dem Veranstalter von „Odeon Concerte“, den Weltstar zu einem Klavierabend zu überreden, der bei ihm im Abonnement stattfinden sollte. Eine der Bedingungen bei dem Vertragsabschluss ist folgender Punkt gewesen: Alfred Brendel wollte einen Tag vor dem Konzert anreisen und bei der Vorbereitung des Konzertflügels anwesend sein.

Sachkundige wissen, dass Herr Brendel durchaus pedantisch und akribisch an die Intonierung der Instrumente für seine Konzerte herangeht und für viele Klavierstimmer ein Quälgeist geworden ist. Gerade in dieser Zeit habe ich mich auf die Hochzeit mit meinem damaligen Freund Nikolaus Metz – einem starken und talentierten Klavierbaumeister, einem der besten, den ich kenne – vorbereitet. Er willigte ein, für dieses Konzert einen Konzertflügel zur Verfügung zu stellen und sollte ihn für das Konzert auch selbst stimmen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass der Nikolaus vor der Ankunft des prominenten Gastes wie Espenlaub gezittert hatte, als er erfuhr, dass Brendel kurz davor seinen Lehrer, der ihm die Kunst der Klavierstimmung beibrachte, „nach Hause“ geschickt hatte!

Es kam der lang erwartete Tag. Zusammen mit Alfred Brendel ist auch sein mobiler Klavierstimmer aus Berlin angereist. Man hat für die gemeinsame Arbeit einen ganzen Tag im Flügelsaal desGeschäfts „Piano Metz“ in Regensburg eingeplant. Etwa 4 Stunden lang haben alle zusammen an der Mechanik des Instruments herumgefingert und Hammerköpfe genau nach Anweisungen des Pianisten intoniert. Brendel setzte sich oft an den Flügel, spielte langsam die chromatische Tonleiter rauf und runter und hörte sich dabei angestrengt in die Töne hinein, dauernd kehrte er dabei zu den vorangegangenen Tönen zurück und markierte Saiten, die der Intonation bedurften, mit einem Stück Kreide, ohne auch eine klitzekleine Nuance aus den Augen zu verlieren und die Klavierstimmer zur bedingungslosen Ebenmäßigkeit des Klanges und perfekter Regulierung der Flügelmechanik auffordernd! Somit verlangte er maximale Konzentration von den beiden. Seine unglaubliche Sachkenntnis der feinsten Details der Mechanik hat uns genauso wie seine unaufhaltsame Leidenschaft bei der Entdeckung und Erkundung neuer Dinge ins Staunen versetzt!

Zunächst hat es zugegebenermaßen so ausgesehen, dass Brendel einfach Spaß daran hat, den jungen Klavierstimmer auf die Probe zu stellen, indem er ihn ununterbrochen über alles ausfragte, was ihm in den Sinn kam. Nikolaus beantwortete geduldig Fragen des großen Maestros und hörte dabei nicht auf, feine Nadeln in die Hammerköpfe hineinzustechen, um ihre Oberfläche dadurch zu intonieren. Erst nach einigen Stunden aufmerksamen Zuhörens habe ich verstanden, dass es an der Sache keinen Hacken gegeben hat – Alfred Brendel wollte tatsächlich ALLES über den Flügel wissen! Dabei ist er neugierig wie ein Kind gewesen und hatte vom Lernen nie genug!!! Dieser Charakterzug ist übrigens für alle großen Menschen kennzeichnend!!! Als ich ihn viel später einmal fragte, warum er so gründlich am Konzertinstrument arbeiten würde, hat er die Frage leicht verdutzt beantwortet: “Wie denn sonst? Man erwartet von mir bei einem Konzert einen perfekten Auftritt. Das heißt, dass auch ich das Recht habe, unter meinen Händen ein perfektes Instrument zu wünschen, ist das nicht logisch?”

Als die Arbeit am Flügel beendet wurde (und wie ich bereits sagte, hat sie etwa 4 Stunden lang gedauert), bat Maestro alle Anwesenden, ihn alleine zu lassen, um noch weitere 2 Stunden zu üben. Nach abgesprochener Zeit sind wir in das Geschäft zurückgekommen. Der Meister war mit dem Spielen gerade fast fertig. Ich war so schrecklich neugierig darauf, dem Spiel des großen Pianisten aus der Nähe zuzuhören, dass ich mich durch den Hintereingang in den Saal hineingeschlichen und mich auf einen Hocker an einem der Flügel gesetzt habe. Alfred Brendel hat oft der „trockenen“ Raumakustik gelauscht und versucht, dem Klang mit viel Pedal mehr Farbe zu verleihen. Er wiederholte immer wieder eine und dieselbe Passage und war mit dem Ergebnis offensichtlich nicht ganz zufrieden. Endlich hat er sich umgedreht und meine Anwesenheit wahrgenommen. Nachdenklich, wie ins Blaue hineinredend, ohne mich direkt anzusprechen, hat er dann gefragt: „Interessant, wie die Akustik in diesem Audimax-Saal wohl sei? Ich habe dort seit 15 Jahren nicht mehr gespielt! Ich kann mich überhaupt nicht mehr daran erinnern“. Ich habe mich nicht getraut, ihm eine Antwort zu geben. Er schwieg einige Sekunden lang und wandte sich dann an mich: „Kennen Sie diesen Saal nicht?“ Die letzten Worte ließen mich näher an ihn herantreten und ihm
antworten: „Die Akustik in diesem Saal ist ganz hervorragend. Der Klang fließt frei durch den Raum, und man hört Pianissimo bis in die letzte Reihe. Also wenn Sie nur die Hälfte des Pedals benutzen würden, wäre es wunderbar“, – als ich diese letzten Worte aussprach, wollte ich mir selbst auf die Zunge beißen, es war jedoch schon zu spät – jetzt standen die Worte im Raum!

Alfred Brendel hat mich zunächst perplex angeschaut, als ob er sagen wollte, was soll hier diese freche Göre, irgendeine Freundin des Klavierstimmers, die ihm Ratschläge erteilt, wie er das Pedal zu bedienen hat. Dann schmunzelte er und ging, ohne ein Wort zu sagen, zu den Menschen, die auf ihn am Eingang warteten. Beim Abschied überreichte ich ihm eine CD mit meinem Debütalbum mit der Liszt-Sonate. Er drehte sie rasch auf die Rückseite mit dem Inhalt, und als er die Sonate von Liszt, die Sonate von Skrjabin und das Präludium mit Fuge von Schostakowitsch sah, rief er aus: „Also deswegen!!!“

Die Fortsetzung dieser Geschichte hörte dann viel später von Reinhard Söll. Am nächsten Tag fand das Konzert von Alfred Brendel in Regensburg mit aufsehenerregendem Erfolg statt. Am Morgen danach brachte Reihard Söll den berühmten Meister zum Flughafen München. Sie sind besonders früh losgefahren, um keine Sorge wegen Staus zu haben. Für Söll war es ein überraschendes Moment, als Alfred Brendel, kaum sie sich ins Auto gesetzt haben, ihn bat, meine CD in den CDplayer einzulegen. Als Maestro sich die Sonate ein paar Minuten lang angehört hat, bat er Reinhard, auf einen Parkplatz zu fahren, um sie sich in Ruhe anhören zu können! Noch erstaunter als zuvor folgte der Konzertveranstalter dieser Bitte, da sie eh noch genug Zeit gehabt haben. So saßen sie im Auto und haben sich die ganze Liszt-Sonate bis zum Ende angehört – eine halbe Stunde lang! Danach sprach Alfred Brendel aus: „Diese Elena Nesterenko ist eine sehr ernstzunehmende Künstlerin! Lassen Sie sie nicht aus den Augen“.

Nach dieser Aussage ist Reinhard Söll extra nach München zu meinem Konzert im Herkulessaal – dem berühmten Münchener Saal mit der besten Akustik und von vielen großen Musikern „eingeweiht“ – gefahren. Im Anschluss an dieses Konzert rief er mich am nächsten Tag an und teilte mir seinen Entschluss mit, mich zu einem Klavierabend in seiner Serie einzuladen!

Die Aufnahme von diesem Konzert wird Ihrer Aufmerksamkeit auf der CD „Träumerei“ angeboten. Zusätzlich können Sie auch eine Aufnahme der Sonate von Liszt erwerben.
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